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AFTER FOREVERDie fünfte Verbindung |
Es mag auf den ersten Blick anmaßend klingen, aber bemerkenswert ist es allemal: Gitarrist Sander Gommans nennt das neue Album seiner Band und das "Schwarze Album" von METALLICA in einem Atemzug. Musikalisch zwei völlig verschiedene Welten, gibt es dennoch Gemeinsamkeiten: bei beiden ist die fünfte Produktion selbstbetitelt, und bei beiden war jede Platte direkter, zielgerichteter, eben besser als die vorige. Man weiß ja, wie es mit METALLICA weiterging: kommerziell Megastars, musikalisch ein einziges - wenn auch heiliges - Ärgernis...
Iron Pages: "Im Info steht folgender Satz von dir: 'Dieses Album ist eine großartige Zusammenfassung von allem, was wir gemacht haben.' Ist es auch ein Neubeginn für euch?"
Sander Gommans: "In gewisser Weise schon. Natürlich markiert auch der neue Plattenvertrag einen Neuanfang. Wir haben verschiedene Alben in verschiedenen Stilen gemacht. Diesmal haben wir erstmals alle diese Stile auf einem Album vereint. Und deshalb verdient es auch, den Titel »After Forever« zu tragen. Viele Stile der ersten vier Platten ziehen auf dieser Scheibe an einem vorüber. Es ist, als flösse durch das Kombinieren von all diesem Zeug und dem Hinzufügen einiger neuer Dinge neue Energie durch dieses Album."
I.P.: "In meiner Kritik habe ich geschrieben, daß ich mit eurem neuen Material noch nicht vertraut genug bin, um sagen zu können, ob es eure BESTE Platte ist, aber es scheint eure explosivste, farbigste, kurz: intensivste zu sein."
S.G.: "Ja, ich denke, das trifft das Album ganz gut. Es ist ein sehr lautes Album, aber aufgrund seiner zahlreichen Stile auch sehr dynamisch. Alles, was du hörst, ist ziemlich intensiv, weil der Sound intensiv ist. Und das klassische Orchester macht die Gefühle extremer. Also ja, ich denke, du hast recht!"
I.P.: "Nach vielen Hördurchgängen kam ich drauf, daß die Essenz von »After Forever« in 'Cry With A Smile' steckt, sowohl musikalisch als auch im Kontrast im Titel."
S.G.: "Es paßt zu der Platte, das stimmt. Es treten verschiedene gegensätzliche Emotionen auf, doch die kriegst du alle auf einmal, wenn du dir die CD anhörst. Und unsere Musik spiegelt das ein bißchen wider. Manchmal ist sie sehr traurig, aber auch energiegeladen und powervoll. Du kannst es durchaus 'Cry With A Smile' oder so ähnlich nennen. Coole Beobachtung!"
I.P.: "Passend zu den verschiedenen Stilen singt Floor (Jansen) mit mehr Stimmen als je zuvor. Manchmal ist es, als würden zwei oder mehr Leute miteinander reden! Wie kriegt ihr das live hin?!"
S.G.: "Nun, natürlich wird viel mit Grunts und so gemacht. Die übernehme ich live. Manches geht aber auch nicht, weil du nur einen Sänger hast, eine Sängerin. Manchmal werden die Chöre von einer Harddisc abgespielt, sind also immer noch zu hören. Manchmal läßt du sie einfach weg. Live sind die Vibes immer anders als auf Platte. Live kommt noch der Energie der Show dazu. Natürlich muß die Musik perfekt klingen, aber man muß nicht alles exakt so hören wie auf der Platte. Live ist anders, ein anderes Gefühl, eine andere Atmosphäre. Du mußt das als etwas anderes, Eigenes sehen."
I.P.: "Vielleicht das Tollste, was man über euer neues Album sagten kann, ist, daß die Gastauftritte von Doro und Jeff Waters (ANNIHILATOR) zwar geil sind, die Scheibe das aber eigentlich nicht nötig hat. Strenggenommen bräuchtet ihr nicht mal das Orchester! Um nochmal aus meinem Review zu zitieren: 'In »After Forever« steckt eine Kraft, die über die Musik hinausgeht.'"
S.G.: "Danke für das Kompliment. Ich finde es echt cool, die Gastmusiker dabeizuhaben. Darauf bin ich stolz. Du hast nicht erwartet, Doro auf einer AFTER FOREVER-Scheibe zu hören? Ich wollte Doro auf der Platte haben, weil viele jüngere Leute unsere Musik hören. Und die wissen nicht, was die Grundlagen, und wer die Originale dieser Musik sind. Sie glauben, es habe mit dem Gothic Metal angefangen, den wir... Eigentlich bin ich überhaupt nicht Gothic-orientiert. Wir kommen vom Hardrock und Metal. Wir mögen die Szene. Daher ist Doro ein viel größerer Einfluß für uns als jede der anderen Bands. Wir haben zu ihr eine viel stärkere Beziehung. Deshalb habe ich versucht, die Beziehung herzustellen, indem ich Doro auf unserer Platte eingesetzt habe, den Leuten die Musik bewußt zu machen, die es bereits in den Achtzigern gab, und die damals schon cool war. Ich wollte zeigen, daß es auch Musik mit Sängerin gibt, die auf Hardrock oder Metal basiert. Man muß nicht alle Arten von Gothic-Elementen daneben haben. Sängerinnen können ebenfalls rocken und wirklich rockige, wirklich aggressive Stimmen wie Doro haben. Und das wollte ich denjenigen zeigen, die mit diesem Stil nicht so vertraut sind."
I.P.: "Verkörpert Jeff einen weiteren Charakter auf dem Album?"
S.G.: "Jeff verkörpert genau wie Doro den Metal-Part auf der Scheibe. Wir alle mögen Soli. Für mich ist Jeff Waters der King. Es war einfach eine große Ehre - für mich zumindest -, ihn auf der Platte zu haben. Das ist ebenfalls eine Seite von AFTER FOREVER, die manche noch nicht kennen."
I.P.: "Mein Review endet so: 'Dieses Album wird seinen Schöpfern den internationalen Durchbruch bringen.' Wie denkst du darüber? Immerhin waren Ausschnitte aus 'Energize Me' in den Werbepausen auf Pro 7 zu sehen!"
S.G.: "Also, ich denke, ich bin dafür das perfekte Beispiel. Ich meine, ich habe mir den Arsch aufgerissen, damit diese Band größer und größer wird. Ich habe den Businesskram erledigt, viele Songs geschrieben... Jetzt fühle ich mich ausgebrannt. Ich bin deshalb zur Zeit nicht in der Lage, Gigs zu spielen. Das ist der Preis, den man zahlen muß, weißt du. Wir befinden uns jetzt auf einem Level, auf das wir sehr stolz sein können. Aber ich habe VIEL zu hart dafür geschuftet, um momentan weitermachen zu können. Und ich denke, das ist der Preis. Kommerzieller Erfolg oder ein Durchbruch... Mir wäre ein Durchbruch in der Metal-Szene weltweit lieber, einfach viel spielen und weltweit viele Platten verkaufen, als in einem Land einen Single-Hit zu landen und dann Playback-Auftritte absolvieren zu müssen und sowas."
I.P.: "Zumal sich das Mainstream-Publikum sehr schnell jemand anderem zuwendet."
S.G.: "Stimmt, doch ich denke, man muß den Clip zu 'Energize Me' als einen anderen Weg sehen, uns zu präsentieren, als wir das live tun können. Du kannst dich nicht in einem Land live promoten, wenn du gerade in einem anderen Land auf Tournee bist. Da hilft ein Video-Clip ungemein. Und mit einem Clip zeigst du mehr Menschen, daß Metal cool sein kann. Da sollte man dann natürlich nicht die extremste Nummer wählen. Du solltest einen Titel auswählen, der eingängiger ist, in dem man sich wiederfinden kann. Aber ich sehe wirklich nicht, daß AFTER FOREVER den kommerziellen Durchbruch schaffen. Ich sehe ihn deshalb nicht, weil AFTER FOREVER dafür zu extrem sind. Dies ist ein großartiges Werbemittel, um mehr Menschen auf der ganzen Welt für uns zu interessieren. So würde ich es germe sehen."
I.P.: "Das Trügerische dabei ist: Wenn 100.000 Leute eure neue CD kaufen, könnt ihr nicht sagen: 'Oh Klasse, 100.000 AFTER FOREVER-Fans mehr!' - zuviele von ihnen werden euch nicht die Treue halten..."
S.G.: "Deswegen bin ich so stolz auf die Fanbase, die wir heute haben. Sie ist so intensiv und so loyal... Das sind die, die wirklich zählen. Das sind die Menschen, die immer für dich da waren. Dies sind Metal-Fans, weißt du, loyale Metal-Fans. Es ist so cool, eine derart loyale Base zu haben. Es gibt nicht viele Stilrichtungen, die das von sich behaupten können."
I.P.: "Habt ihr noch andere Albumtitel in Erwägung gezogen, etwa 'Cry With A Smile' oder 'Dreamflight'?"
S.G.: "Nun, es gab ein paar Arbeitstitel, z.B. 'Energize'. Aber wir haben es nicht nach einem Songtitel benannt. Das war nicht unsere Intention. Doch als ich das Material hörte, dachte ich: 'Nein, nein, nein! Diese Scheibe sollte einfach nur »After Forever« heißen, weil das auch für die Geschichte wichtig ist.' Jedes Album hat eine Geschichte. Ich mag es, wenn es einen gewissen Vibe hat, wenn es eine Geschichte erzählt. Auf eine Art ist dieses Album wie das 'Schwarze Album' von METALLICA. Es verdient es, diesen Titel zu tragen!"
I.P.: "Denkst du, es ist tatsächlich eure beste Scheibe? Hattest du ein besseres Gefühl nach den Aufnahmen?"
S.G.: "Für mich zumindest - und für die meisten - IST dies das beste Album. Ich denke, es ist den anderen Alben weit überlegen, was das Songwriting betrifft. Es zeigt, was wir in den vergangenen Jahren gelernt haben, was wir erlebt haben. Dies ist AFTER FOREVER in der energetischsten Form!"
I.P.: "Wie bekannt seid ihr in den Niederlanden?"
S.G.: "Nun, in unserem Heimatland haben wir uns seit einer Weile bis zur Spitze vorgearbeitet. Du hast die Metal-Szene, und alle darin, die an AFTER FOREVER interessiert sein könnten, kennen AFTER FOREVER und sind interessiert. Aber das ist schon seit ein paar Jahren so. Du hast also eine gute Position, kommst aber nicht wirklich höher, denn dann brauchst du einen Hit. Du brauchst einen kommerziellen Erfolg, und das ist das Schwierige. Wir haben dort eine Menge erreicht, befinden uns in einer guten Position, aber solange du keinen Hit landest, wird es nicht viel mehr werden. Es ist sicher, und das ist gut. Wichtiger ist jedoch: Wie können wir mehr Menschen in anderen Ländern für uns interessieren?"
I.P.: "Selbst wenn dies euer bestes Album IST: Wie nah kommt es dem, was euch vorschwebte, als ihr die Band gegründet habt?"
S.G.: "Oh, das ist schwer! Das ist eine interessante Frage, denn als ich mit der Band anfing... Weißt du, das Bild von AFTER FOREVER verändert sich ständig. That´s the tricky thing."
I.P.: "Was meinst du? Das Bild, das die Öffentlichkeit bekommt oder das, was ihr selbst von euch habt?"
S.G.: "Das Bild, das ich selber habe. Ich finde, als Mensch kannst du nie sagen: 'Okay, der bin ich also, ich werde mich nicht mehr verändern!' Ich meine, du lernst von anderen. Du wirst beeinflußt. Du sammelst Erfahrungen, benutzt deine Erfahrungen und handelst beim nächsten Mal vielleicht anders."
I.P.: "Manchmal wirst aber auch du benutzt."
S.G.: "Exakt. Und das passiert auch in der Musik. Du kannst nicht sagen: 'Dies ist die Band, dies stellt sie dar, und das wird immer so sein.' Nein, ich denke vielmehr, daß die Power einer Band darin besteht, daß du ein Werkzeug hast, um mit den Menschen zu kommunizieren und ihnen zu vermitteln, was du lernst, was du erlebst. Ich will es mal so ausdrücken: Es kann vorkommen, daß ich mir zwei Jahre lang nur Heavy Metal anhöre, nichts anderes. Das gefällt mir so gut, da werde ich anschließend nicht hingehen und sagen: 'Okay, ich habe das jetzt so lange gehört; aber jetzt schreibe ich ein neues Album für AFTER FOREVER, und es wird wieder klassische Musik sein'. Nein, da werden selbstverständlich starke Heavy Metal-Einflüsse enthalten sein, weil ich das mag, weil es mir etwas gegeben hat. Deswegen ist das eine knifflige Frage. Das Bild, das ich von AFTER FOREVER hatte, als wir anfingen, ist vollkommen anders als das Bild, das ich heute habe. Das hört man auch, wenn man sich die Alben anhört. Doch ein Aspekt bleibt und wird immer bleiben: Ich werde es immer lieben, verschiedene Stile zu verbinden. Ich werde es immer liebe, unterschiedliche Metal- und Klassik-Stile zu einer einzigartigen Kombination zu verknüpfen. Und ich denke, darum geht es bei AFTER FOREVER nach wie vor. Natürlich wirst du stets AFTER FOREVER erkennen, aufgrund von Floors Gesang und der Art, wie die Songs geschrieben sind. Doch häufig werden andere Stile und Stimmungen verwendet. Ich schätze, das ist einfach unsere Art - und die Leute respektieren das. In der Hinsicht sind wir nicht leicht auszurechnen."
I.P.: "Eure Fans scheinen das zu honorieren. Bei vielen Bands, die ihren Stil nicht verändern - oder sich nicht trauen, es zu tun -, vergessen die Fans, daß ein Musiker auch ein Künstler ist. Und für einen Künstler ist es nicht sehr erfüllend, ständig das Gleiche zu machen.
S.G.: "Genau. Und deshalb haben wir uns von Anfang an dafür entschieden, daß wir, solange wir Spaß an dem haben, was wir tun, eines gewährleistet sein muß: in der Lage zu sein, die Musik zu machen, die WIR wollen. Die kannst du dann auch mit Enthusiasmus spielen und eine Menge Energie hineinstecken - weil es dir Spaß macht. Das ist das Wichtigste: Zuallererst muß dir die Musik gefallen, die du machst. Zweitens: Es ist super, wenn sie den Fans gefällt. Darauf bist du angewiesen, das ist wirklich wichtig. Doch zuerst muß sie dir gefallen."
I.P.: "Ich weiß, daß Floor alle Texte schreibt, aber was kannst du mir über sie erzählen?"
S.G.: "Ich denke, das Wichtigste bei diesem Album ist, daß es das persönlichste ist, aber auch andere Personen reflektiert. Einige Texte handeln von Energie, wie sie dich beeinflussen kann, auf welche Weise sie verliehen werden kann. Doch einige Lyrics handeln auch davon, wie du... Nimm z.B. 'Cry With A Smile': du weinst mit einem Lächeln, wenn du jemanden verlierst. Du kannst sehr traurig sein, daß er oder sie von dir gegangen ist. Du kannst aber auch glücklich über das Leben sein, daß er oder sie hatte. Du weinst, weil die betreffende Person nicht mehr da ist, bist jedoch zugleich glücklich über ihr schönes Leben. Einige Lyrics sind diesmal eher reflektierend."
Interview & Story: Michael Schübeler