IMPERIA

Das weibliche Reich der Freiheit

Auch wenn das Cover das Gegenteil suggeriert: Mit "Queen Of Light" präsentieren sich IMPERIA im Gegensatz zum Debüt "The Ancient Dance Of Qetesh" als Band. Helena Iren Michaelsen, 29jährige Sängerin und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, erinnert sich an ihre vokalistischen Anfänge:

"Als ich klein war, schloß ich mich in meinem Zimmer ein und tat so, als würde ich singen und vor Publikum auftreten. Später in der Schule sang ich dann solo und nahm auch an Wettbewerben teil. Am Konservatorium in hatte ich Privatunterricht bei einem Opernsänger, mit dem ich immer noch in Briefkontakt stehe." Helena tankte genug Selbstvertrauen, um keine Stunden mehr nehmen zu müssen; sie unterrichtet selbst, "und freue mich unheimlich über die teilweise enormen Fortschritte meiner Schüler."

Wie nah kamen die beiden Alben mit TRAIL OF TEARS dem, was dir vorschwebte? "Ich wußte gar nicht genau, was ich wollte. Ich schrieb meine eigenen Songs, spielte Gitarre. Ich stand mehr auf Anouk oder Alanis Morissette. Das war es, was ich ursprünglich machen wollte. Aber dann fragten sie mich, ob ich bei ihnen singen wolle, ich ging zu einer Probe... Von da an blieb ich in der Szene drin." TOT unmittelbar nach den Aufnahmen zum zweiten Album zu verlassen, erscheint einem Außenstehenden als nicht gerade feiner Zug. "I looked for freedom!" stellt die Sängerin energisch klar. "Wenn ich meine Freiheit verliere, kann ich nicht meine ganze Kreativität rauslassen. Ich werde allmählich immer unruhiger, weil in meinem Kopf einfach zuviele Ideen herumschwirren. Die müssen raus, dann bin ich wieder zufrieden. Als ich meine Vocals für die CD im Kasten hatte, hieß es, daß mein Gesang zu gut sei. Diesen Vorwurf fand ich recht merkwürdig, aber mir ging es vor allem um die Freiheit." Insofern war IMPERIA ein logischer Schritt, nicht zuletzt der Name selbst: "Ich wollte ein starkes Wort, und es sollte feminin sein. So kam ich von "Imperium" auf IMPERIA."

"The Ancient Dance Of Qetesh" bot 2005 noch Licht und Schatten. Die Songs an sich waren durchaus gelungen, doch Helenas Stimme, die obendrein Tarja Turunen zum Verwechseln ähnlich klang, stand viel zu weit im Vordergrund; von dem, was in der Musik ablief, bekam man dagegen kaum was mit. "Ich hatte zwei ziemlich harte Jahre, eine üble Beziehung. Dadurch fiel mein Gesang automatisch anders aus, tiefer und dunkler." Zweifellos. Die erwähnten Parallelen sind fast völlig verschwunden. Die gab es für die blonde Sängerin ohnehin nie. Wohl aber Songs, die ihr den Weg für die Zukunft wiesen: "Into Paradise" und "Scarred For Love". Diese Nummern sang sie auch live besonders gern. Die "Arschbombe" im Rock Hard nahm sie gelassen: "Das hat mich nicht überrascht, da ein Ex-Freund von mir ein guter Freund des Verfassers ist. Für mich bedeutete das, daß die Person meine Musik und meine Mission nicht verstanden hat. Ändern kann ich sowas eh nicht."

Das Besondere an "Queen Of Light" ist der enorme Reifeprozeß. Ein Schlüsselerlebnis habe es zwar nicht gegeben, doch ein, wenn nicht DER wesentliche Unterschied ist Gitarrist Jan Yrlund, wie ein Blick in die Credits verrät: "Ich bin unheimlich froh, ihn in der Band zu haben. Er ist live sehr gut, das Artwork ist von ihm, er kümmert sich um die Website... Er nimmt mir wahnsinnig viel Arbeit ab!" Zu den eindrucksvollsten Titeln auf "Queen Of Light" gehört "Broken Wings". "An die Entstehung des Textes erinnere ich mich sehr gut, denn ich war zwei Jahre lang praktisch eingesperrt. Ich hatte keinen Führerschein, kein Auto, und da, wo ich wohnte, fuhren kaum Busse. Der Typ, mit dem ich zusammen war, blieb nach der Arbeit gleich da und trank. Er war Alkoholiker und mutierte zum Arschloch, wenn er getrunken hatte. Das Extreme an ihm war, daß er dann ohne Vorwarnung explodierte. Nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen fühlte ich mich, als seien meine Flügel gebrochen. Ich war wieder nicht frei, ich selbst zu sein oder irgendwo hinzugehen. Ich konnte nur in meiner Phantasie fliegen." Dagegen sei "Raped By The Devil" der Versuch, einen Alptraum aus jener schlimmen Zeit ironisch zu verarbeiten. "Ich habe mich nie gewehrt, dadurch hat sich in mir eine Menge Wut angestaut. Die konnte ich auf der CD rauslassen, und das hat mir sehr gutgetan. Vor allem legte ich endlich wieder Gewicht zu, denn am Ende wog ich nur noch 50 Kilo - und das bei einer Größe von 1,72 Meter!" Wenn mich meine trüben Linsen nicht trügen, hat der Prügel-Ernie trotzdem die Growls auf der Scheibe übernommen. Irgendwie beklemmend...

Am meisten aus dem Rahmen fällt "The Calling". Durch den Stimmeinsatz mußte ich bei dem Stück an "Hänsel und Gretel" denken. Helena keift und kreischt wie die böse Stiefmutter oder die Hexe selbst. Meine Einschätzung quittiert die Norwegerin mit einem herzlichen Lachen. "Der Song ist eine Abrechnung mit meinem Ex. Ich wollte ihm wenigstens ein bißchen zurückzahlen, was er mir angetan hat. Deshalb auch das "No Thanks" im Booklet." Also eine Art Therapie? "In gewisser Weise schon, sicher. Ich werde aber nicht nur die negativen Dinge los, sondern verarbeite auch Positives, wie "Queen Of Light" über meine Tochter Angel."

Das letzte Stück "Missing You" schließlich verblüfft mit einem langen "Vorlauf", der wie New Age-Musik klingt. "Ja, ich kann völlig entspannen, wenn ich es höre - manchmal werde ich dabei aber auch ein wenig traurig."

Dieses letzte Statement verdeutlicht sehr schön die verschiedenen Stimmungen auf "Queen Of Light" und zeigt, wieviel es in den fast 68 Minuten zu entdecken gibt - und zwar für JEDEN Fan anspruchsvoller und qualitativ hochwertiger Musik, bei der Härte und Atmosphäre Hand in Hand gehen.

Interview + Story: Michael Schübeler