IRON SAVIOR

Kompakt & knallig

Mir ist zuerst gar nicht aufgefallen, daß man seit 2004 nichts von IRON SAVIOR gehört hat. Aber als »Megatropolis« erstmal lief, habe ich diesen Sound doch sehr vermißt. Auf der sechsten CD »Megatropolis« ist einerseits alles wie gehabt (keine Balladen!), andererseits gibt es doch dezente Neuerungen bei den Hanseaten. Frontmann Piet Sielck klärt auf.

P.S.: "Der Grund, weswegen wir 3 Jahre gebraucht haben, ist ein sehr trauriger: Im November 2005 ist mein jüngerer Bruder bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Das hat mich doch so ein bißchen aus der Bahn geworfen. Es ist nicht so, daß ich nicht mehr wußte, was ich tat, aber Musik schreiben ist natürlich eine sehr persönliche und auch eine sehr emotionale Sache. IRON SAVIOR steht für mich für Spaß und Unterhaltung, und ich wollte auf gar keinen Fall ein düsteres, dunkles Album machen. Darum dauerte es einfach seine Zeit, bis ich wieder in der Lage war, solche Songs zu schreiben, wie sie jetzt auf dem Album sind. Dadurch, daß einen sowas sehr unvorbereitet trifft, habe ich schon eine Zeit gebraucht, um damit klarzukommen. Meine andere Band SAVAGE CIRCUS hat das insofern nicht so betroffen, als da das Material schon geschrieben war. Da ging es nur noch darum, das jetzt live darzubieten. Das ist ein anderer Stiefel, das ging.

Iron Pages: "Hast du die Musik auch ein bißchen als Therapie empfunden? Viele stürzen sich nach einem solchen Schicksalsschlag voll in die Arbeit, um damit fertigzuwerden."

P.S.: "Ja und nein. Ich muß dazu sagen, ich bin kurz danach, im Januar, nochmal Vater geworden. Das hat auch sehr viel dazu beigetragen - wie das eben so ist bei einem Kleinkind. Ich habe schon zwei andere, das dritte war ein Nachzügler; von daher weiß ich, wie das mit Kindern ist. Das ist schon recht intensiv. Das hat als Therapie schon ganz gut genutzt, wenn du so willst, haha, wie überhaupt die Familie. Aber ist eigentlich nicht so, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Wie gesagt, die Arbeit ist für mich eher etwas sehr Persönliches. Und weil Musik für mich etwas so Emotionales ist, habe ich mich davon eher ein bißchen zurückgezogen. Weil da natürlich auch viel rauskommt, wenn man sich emotional so öffnet."

I.P.: "Mir ist aufgefallen, daß euer neues Material sehr leichtfüßig rüberkommt."

P.S.: "Das hat zum einen den Grund, den ich eben genannt hab. Ich habe einfach so lange gewartet, weil ich eben auf düstere Songs keinen Bock hatte, bis mir wieder möglich war, diese Songs zu schreiben. Das erklärt natürlich in gewisser Weise die Leichtfüßigkeit. Auf der anderen Seite war es mir auch ganz wichtig, eine ganz klare Trennlinie zwischen IRON SAVIOR und SAVAGE CIRCUS zu ziehen. Dadurch hat das IRON SAVIOR-Album einen noch stärkeren Drall in die wirklich ganz klassische Metal-Abteilung bekommen."

I.P.: "Ich kann aber auch Leute verstehen, die sagen: 'Wenn man oberflächlich zuhört, klingen IRON SAVIOR im Grunde immer gleich!' "

P.S.: "Hmm, das kann ich für mich so eigentlich nicht bestätigen, daß es so ist. Nö, finde ich nicht! Ich finde, daß sich gerade auf diesem Album im Vergleich zu früheren Alben doch so einiges verändert hat. Das Tempo ist deutlich zurückgegangen, was ich auch ganz gut finde. Wir sind ja auch keine 18 mehr! Wenn du z.B. dieses Album nimmst und es mit 'Unification', dem zweiten (1999), vergleichst, da besteht schon ein relativ deutlicher Unterschied. Da hat schon eine Entwicklung stattgefunden. Und das wir keine große Bandbreite haben, sehe ich auch nicht. Als Beleg für beides braucht man sich nur mal 'Flesh' anzuhören. Das ist eine Geschichte, die wir so nicht gemacht haben. Das Ding sollte so richtig evil, finster und böse werden, weil es da textlich um den Kannibalen aus 'Sin City' geht. Ich finde die Umsetzung echt gut. Der Song IST evil geworden, hahaha!"

I.P.: "Wenn du neue Songs schreibst, bleibt da viel Material übrig, das nicht aufs Album kommt?"

P.S.: "Nee, eigentlich nicht. Ich schreibe gezielt für das Album, und wenn ich etwas nicht mag, mache ich das gleich wieder weg. Ich bin kein Sammler, der irgendwann wieder Sachen aus der Schublade zaubert: 'Hey, da hatte ich ein geiles Riff vor drei Jahren! Das könnte ich ja mal benutzen!' Entweder fand ich das wirklich gut; dann hab ich´s aber auch noch im Kopf und spiele es einfach nochmal neu ein. Aber Songfragmente abspeichern funktioniert mit IRON SAVIOR nicht. Mit SAVAGE CIRCUS kann man das machen, da funktioniert das."

I.P.: "Ich habe leider kein Textblatt vorliegen. Worum geht es in 'A Tale From Down Below'?"

P.S.: "Als ich angefangen habe, den Text zu schreiben, hatte ich so ein bißchen 'Resident Evil' im Kopf. Also irgendwelche obskuren Wissenschaftler, die irgendwo irgendwelche finsteren Experimente durchführen, in irgendwelchen Kellergewölben, Hochsicherheitstrakten... und dann geht was schief. Dann müssen die leider da unten bleiben, eingesperrt, vielleicht in irgendwelche fiesen Mutanten verwandelt oder was weiß ich, haha."

I.P.: "Beim Texten verwendest du ausschließlich Kreuzreime. Schränkt dich das nicht auch manchmal ein in dem, was du sagen willst?"

P.S.: "Ja, das schränkt mich natürlich ein. Manchmal dauert es auch ziemlich lange, bis man dann so ´ne Nuß geknackt hat. Es darf natürlich auch nicht zu pathetisch werden, wie 'sky' und 'high' und so. Das will man allein schon deshalb vermeiden, weil man das schon zu oft gemacht hat. Klar, das dauert dann mitunter schon mal ein bißchen länger, aber in letzter Konsequenz zahlt es sich immer aus, weil es sich einfach besser singen läßt. Ich kenne auch Bands, die auf diese Reimerei verzichten. Geht auch, finde ich aber nicht so geil, muß ich ehrlich sagen. "

I.P.: "Bei »Megatropolis« ist auch die Covergestaltung mal wieder sehr gut."

P.S.: "Ja, über das Cover bin ich sehr froh und sehr zufrieden damit. Das ist unser mit Abstand bestes Cover bisher."

I.P.: "Das 'Battering Ram'-Cover fand ich auch schon recht gut, aber das finde ich noch um einiges besser. Das ist einfach noch ausgeklügelter.Wurde das speziell für die CD gemacht?"

P.S.: "Jein. Ich habe im Internet einen Künstler gefunden, der das Design z.B. für 'I, Robot' gemacht hat. Wenn ein Film gedreht wird, gibt es ja immer einen Künstler, der vorher schon so ´n bißchen zeichnet, wie das dann aussehen könnte. Das fand ich sehr ansprechend. Der hat noch eine ganze Menge anderer Sachen gemacht und eben eine ganz bestimmte Art zu zeichnen. Zu erschaffen, muß man ja eigentlich sagen, denn das wird ja heutzutage am Computer gemacht. Das fand ich supergeil, als ich das gesehen hab´, und glücklicherweise konnten wir dieses Bild, was schon fertig gemalt war, einfach so kaufen. Er hat dann noch diese Figur reingesetzt. Das Originalbild ist ohne diese Figur, nur diese Stadt. Das fand ich auch schon ganz geil, aber da mußte noch ein bißchen Action rein. Und die Figur paßt perfekt!"

I.P.: "Kannst du mir ein bißchen mehr über den Künstler verraten?"

P.S.: "Der macht in erster Linie Buchcover für Science Fiction- und Fantasy-Bücher. Für den war das im Prinzip mehr oder weniger Neuland. Aber das hat total gut geklappt. Er war hochprofessionell und hat auch keine Unsummen gekostet. Ein Schnäppchen war er aber auch nicht!"

I.P.: "Macht es für dich einen großen Unterschied, ob du alleine komponierst oder mit jemand anderem zusammen?"

P.S.: "Ja, das ist ein Unterschied, weil... Wenn ich was mache, bin ich immer sehr drin in der Materie. Ich bin dann manchmal nicht so richtig teamfähig, haha. Ich will meine Ideen sofort umsetzen und durchziehen. Weil ich eben auch weiß, wenn ich das jetzt nicht mache, dann hat der andere auch eine Idee, Dann muß ich warten und werde ganz hibbelig. Von daher schreibe ich lieber alleine."

I.P.: "Hast du bei einer Idee den Song gleich komplett im Kopf?"

P.S.: "Ja. Bei diesem Album war es auch sehr speziell. Ich sagte, daß ich beim Songwriting eine Zeit brauchte, um mich da überhaupt wieder ranzutasten. Schlußendlich ging das Songwriting aber irre schnell. An dem Punkt, wo ich gemerkt habe, es geht wieder, war schon unheimlich viel im Kopf drin, was ich aber einfach nicht rausgelassen hab, weil ich auf den richtigen Zeitpunkt warten wollte. Das hat sich insofern ausgezahlt, als dann 8 Songs innerhalb von 3 oder 4 Wochen fertig waren. "

I.P.: "Boah!"

P.S.: "Das ist natürlich nicht normal. Normalerweise brauche ich schon länger. Ich habe natürlich schon immer so im Kopf komponiert, aber ich habe mich eben nicht getraut, mich hinzusetzen mit Gitarre und das aufzunehmen. Ich habe gewartet, bis ich das richtige Feeling hatte."

I.P.: "Wann hat das letztemal jemand etwas an deiner Musik oder den Texten kritisiert, was du nachvollziehen konntest?"

P.S.: "Nach dem 'Condition Red'-Album (2002) gab es schon einige Stimmen - das habe ich auch selbst so empfunden, obwohl es trotzdem gut angekommen ist und in der Fangunst auch immer noch recht hoch steht - von Leuten, besonders Journalisten, die gesagt haben, daß es vor allem textlich allmählich anfängt, sich zu wiederholen. Das war für mich dann auch der Grund, auf 'Battering Ram' von dem Konzept ein bißchen abzulassen. Jetzt bin ich ganz weg davon. Das hätte ich aber wahrscheinlich auch von mir aus gemacht, weil ich gemerkt habe, daß es mich doch sehr einengt."

I.P.: "Was ich unbedingt mal loswerden muß: Thomas Nack ist ja sowas von unterbewertet!"

P.S.: "Absolut, ja. Ich finde, Thomas ist einer der besten Drummer, die es in Deutschland gibt. Da ist auch nichts geschoben! Wir haben 3 oder 4 Tage Drums aufgenommen - und das ist so! Da habe ich nicht viel rumeditiert; eigentlich gar nichts! Ich kann dir da nur zustimmen: Thomas ist ein tierischer Trommler und wirklich unterbewertet. Wie leider die gesamte Band, haha!"

I.P.: "Wo liegen für dich die wesentlichen Unterschiede zwischen IROLN SAVIOR und SAVAGE CIRCUS, gerade auch aus der Sicht des Produzenten?"

P.S.: "Also, speziell jetzt bei »Megatropolis« sind viel weniger Chöre. Bei SAVAGE CIRCUS, da muß es sein, da verlangt die Musik im Prinzip danach. Aber bei dieser Platte eben gar nicht. Deshalb haben wir da komplett drauf verzichtet. Jetzt gibt es nur bei 3, 4 Songs ein bißchen Backgroundgesang. Das sind auch nur wenige Spuren - ich glaube, wenn´s hochkommt mal 8 Spuren! Ich finde auch, daß das dem Album guttut!"

I.P.: "Hast du durch SC in gewisser Weise auch einen anderen Blickwinkel auf IS bekommen?"

P.S.: "Ja, auf jeden Fall.Was natürlich auch ein Grund ist, warum die Scheibe so und nicht anders ausgefallen ist. Ich hatte auch mal überlegt, nach der 'Battering Ram' wäre ja auch die Möglichkeit gewesen, mehr progressive Elemente aufzzugreifen und doch wieder mehr in die 'Unification'-Richtumg zu gehen. Das hätte auch bestimmt funktioniert, wäre aber dichter an SC drangewesen, und das wollte ich einfach nicht.

Erst dadurch, daß ich diese Entscheidung für mich so gefällt hatte, habe ich mich getraut, einfach mal so ´n Song wie 'Cybernetic Queen' zu machen. Das ist ja, wenn du so willst, schon fast Melodic Hardrock! Wenn man IRON SAVIOR über die Jahre kennt, ist so ein Song ungewöhnlich. Aber das war auch gewollt. Das wollte ich erreichen. Ich wollte eben nicht das übliche IS-Album machen, und ich finde, das ist mir auch gelungen."

I.P.: "Ist mir nicht mal sofort aufgefallen - was im Grunde ja auch ein Kompliment ist!"

P.S.: "Ja, aber man kann es ja auch nicht zu plakativ machen. Man darf die Leute ja auch nicht vor den Kopf stoßen. Aber wenn man sich ein bißchen mit dem Album beschäftigt, fällt einem schon auf, daß es irgendwie anders klingt. Das merkt man besonders deutlich, wenn man sich eine alte IS-Scheibe reinzieht."

I.P.: "Der Musiker Piet Sielck und der Produzent - kannst du das strikt trennen? Und wenn du eine musikalische Idee hast, weißt du dann sofort, wie die klingen wird?"

P.S.: "Ja, das habe ich eigentlich sofort im Kopf, weil das so fließende Übergänge sind. Das kann man gar nicht trennen. Ich habe z.B. auch schon eine relativ klare Soundvorstellung gehabt, während ich das komponiert habe. Und das hat sich natürlich auch sofort in den Kompositionen niedergeschlagen, daß ich eben jetzt nicht 5000 Gitarren aufgenommen habe, sondern das mehr oder weniger auf zwei Rhythmusgitarren und die Lead-Overdubs begrenzt habe. Ich wollte einen direkten Sound haben, und je mehr du aufnimmst, desto mehr musikalische Informationen gibt es natürlich, und desto größer wird das alles. Und ich wollte es nicht groß haben, sondern kompakt und knallig.

Als Produzent habe ich nicht so ein großes Ego. Aber ich kann natürlich nicht aus meiner Haut und habe bestimmte Vorlieben und Geschmäcker. Die schlagen sich natürlich auch nieder, wenn ich Produzent für andere bin, das ist doch klar. Ich habe z.B. eine bestimmte Vorstellung, wie eine Gitarre zu klingen hat, damit ich persönlich die geil finde. Wenn jetzt jemand mit einem Gitarrensound ankommt, den ich persönlich gar nicht mag, mit dem ich überhaupt nicht klarkomme, ist das schon schwierig für mich. Ich kann auch nicht mit jedem arbeiten. Die Aufgabe eines Produzenten ist in letzter Konsequenz so, daß man zumindest eine beratende Funktion hat. Und wenn jemand auf gut Deutsch gesagt mit einem Scheiß-Gitarrensound ankommt, weil er es vielleicht nicht besser weiß, der hinterher auf dem Endprodukt einfach nicht funktionieren wird, dann muß man schon sehen, daß man auf den Kollegen einwirkt."

I.P.: "Wie ist deine Meinung als Produzent zu METALLICAS 'St. Anger'?"

P.S.: "Ja, also, was soll ich dazu sagen? Wenn man auf den Snaresound abfährt... Ich mein, es ist halt METALLICA, die können halt machen was sie wollen. Die stellen sich statt ´ner Snare ´ne Mülltonne in den Proberaum, und alle Leute sagen, das ist Kunst...

interview + Story: Michael Schübeler