U.D.O.

Im Bann des "Mastercutor"

Im dritten Anlauf hat es endlich geklappt: Ich habe Udo Dirkschneider an der Strippe! Es gibt eine Menge zu besprechen, schließlich ist "Mastercutor" der aufregendste U.D.O.-Silberling seit langem. Für mich besteht die größte Leistung der Band darin, ihre neuen Songs in ein moderneres Gewand gekleidet zu haben, das wie angegossen paßt, dabei aber luftig genug ist, um keinen Banger alter Schule vor den Kopf zu stoßen. Das Resultat klingt hammerhart und doch geschmeidig. Kann man Tradition und Moderne noch besser miteinander verbinden? Im Moment neige ich mit jedem Anhören mehr zu einem Nein...

Iron Pages: "Ihr habt im Laufe der Zeit ein Grundlevel erreicht, das so hoch ist, daß man nicht nur als U.D.O.-Fan, sondern generell als qualitätsbewußter Heavy eure CDs blind einsacken kann."

Udo Dirkschneider: "Ja, es gibt da ein festes Käuferpotential, Leute, die unsere Sachen tatsächlich blind kaufen."

I.P.: "Ich kann es auf der einen Seite verstehen, daß ihr gesagt habt: "Nach den letzten beiden Alben wollen wir mal was anderes machen!" Andererseits hat eure Musik in sich so eine Dynamik, daß es im Grunde fast egal ist, was ihr macht. Verstehst du, was ich meine?"

U.D.: "Ja, ich weiß schon, was du meinst. Das ist schon richtig. Es gibt Alben... Oder ich sag's mal so: Vom Grundlevel her... Nein, anders: Wir versuchen eigentlich immer, auf einem ziemlich hohen Niveau zu arbeiten. Auch songmäßig sind wir sehr kritisch. Manchmal hat man dann eben ein Album, was den Nerv der Leute komplett trifft. Es gibt aber auch Alben, wo die Leute sagen: "Dieses U.D.O.-Album ist okay, aber nicht unbedingt mein Favorit." Beim neuen Album "Mastercutor" haben wir anscheinend richtig den Nerv getroffen. Was ich bis jetzt an Interviews hinter mir habe, und was ich bisher an Reviews gelesen habe, und auch was die ersten Reaktionen von Fans betrifft, scheinen wir den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. Es gibt immer wieder Alben, die herausstechen. Das ist bei "Mastercutor" glaube ich passiert."

I.P.: "Wenn man soviele Platten gemacht hat wie du, was für ein Gefühl hat man, wenn ein neues Album fertig ist? Kann man direkt nach den Aufnahmen sagen - was man in der Presse dann immer NICHT sagt -, daß es dieses Mal eben nicht das beste Album ist, das man je gemacht hat?"

U.D.: "Das sage ich grundsätzlich nicht. Wenn ich das sagen würde, könnten wir ja kein besseres mehr machen, haha! Man versucht natürlich immer, in das neue Album alles reinzupacken, wovon man meint: "Das hätten wir beim letzten Mal besser machen können!" Ob einem das gelungen ist, weiß man natürlich immer erst hinterher... Wenn ein Album fertig ist, hören wir es uns das eine ganze Zeit lang gar nicht an. Dann fangen wir ganz langsam an, wieder reinzuhören - und dann geht es bei uns eigentlich schon los, daß wir uns selbst schon wieder kritisieren und sagen: "Das hätten wir aber auch anders machen können. Das können wir beim nächsten Mal besser machen!" Das ist glaube ich ein ganz wichtiger Faktor. Diese Selbstkritik muß man haben, um an das nächste Album wieder kritisch ranzugehen."

I.P.: "'Mastercutor' oder 'Instigator' sind doch Kunstbegriffe, oder?"

U.D.: "'Mastercutor' kommt von 'Masterexecutor'. Ist im Prinzip ein Kunstbegriff, ja. Und 'Instigator' - Jaaa... jein. Das gibt es schon im Englischen. Die Instigator sind die 'Macher'. Das sind die Politiker, die uns belügen. Darum geht es bei dem Ganzen. Oder auch bei 'Master Of Disaster', das ist ja auch mehr oder weniger ein Sprichwort. Das sind die Typen, die im Laufe der Geschichte, von Stalin über Hitler bis... Chaos verbreitet haben."

I.P.: "Dazu paßt auch der etwas kältere Sound. Normalerweise kann ich es nicht leiden, wenn es so technisch klingt, aber wenn man den Kontext sieht, den Text und die Atmosphäre - das paßt alles hundertprozentig! Habt ihr lange experimentieren müssen, um diese Sounds zu finden?"

U.D.: "Also, das war so: Schon seit dem 'Mission No. X'-Album (2005) hat unser Livesound-Engineer (Frank 'Stucki' Stuckstedde) rumgemeckert. Der hat gesagt: 'Kinder, ihr klingt live ganz anders, viel moderner!' Als wir dann im Studio mit dem Album angefangen haben, haben wir gesagt: 'Okay, komm doch mal vorbei und mach es so, wie du meinst, so müßte die Platte klingen.' Da ist er dann eigentlich auch bis zum Schluß geblieben. Dazu muß man natürlich sagen, daß wir früher 30 % digital und 70 % analog gearbeitet haben. Das hat sich umgedreht; wir arbeiten 70 % digital, und 30 % sind noch analog. Und digital klingt sowieso immer härter! Da kam dann natürlich eines zum anderen: der Schlagzeugsound ist verändert worden, der Gitarrensound ist verändert worden... Wir haben wesentlich mehr mit Effekten rumgespielt. Wir haben anders arrangiert. Nicht überall, aber viele Songs haben wir eigentlich U.D.O.-untypisch arrangiert. Die Basis ist gleich geblieben. Und ich glaube, es ist was Interessantes dabei rausgekommen. Vielleicht ist es noch nicht perfekt übertragen worden, vielleicht passiert das erst beim nächsten Mal. War auf jeden Fall viel Neues für uns dabei!"

I.P.: "Warum solltet ihr auch die Basis verändern?"

U.D.: "Nee, die werden wir mit Sicherheit nie verändern, haha!"

I.P.: "Wozu auch? Das ist ja die Musik, die ihr machen wollt!"

U.D.: "Genau, das ist richtig. Das ist so ungefähr wie bei 'Des Kaisers neue Kleider': der Kaiser ist gleich geblieben, hat nur neue Kleider gekriegt."

I.P.: "Etwas seltsam ist allerdings, daß ich bei meinem Lieblingsstück auf 'Mastercutoanr' WEISS, daß es objektiv nicht der beste Song auf dem Album ist: 'Vendetta'!"

U.D.: "Da stimme ich dir vollkommen zu. Das ist das Lieblingsstück von sehr vielen Leuten! Beim Voting auf unserer Webseite liegt allerdings 'Dead Man's Eyes' ganz vorne. Das hätte ich nicht erwartet; genausowenig, daß 'We Do - For You' nicht mal in den Top 5 ist."

I.P.: "Wer singt da die Wiederholung im Refrain?"

U.D.: "Das ist unser lieber Freund Frank Knight, mit dem wir schon seit Urzeiten, schon mit ACCEPT, zusammenarbeiten (Knight hat auch bei X-WILD gesungen. - Schübi). Dieser Mann ist für uns sehr wichtig. Wir können zwar Englisch sprechen und schreiben, aber wenn wir unsere Texte zusammenhaben, gibt es immer ein Brainstorming von 4, 5 Tagen. Dann lassen wir Frank immer da drübergucken, ob das auch alles so richtig ist. Manchmal will man etwas sagen, wofür es im Englischen 1000 Begriffe gibt. Er legt uns Zeilen vor und fragt: 'Was wollt ihr denn damit sagen?' Wir erklären es ihm, und er sagt: 'Das könnt ihr so aber nicht sagen. Das würde kein Mensch verstehen!' Oder wir haben Wörter drin, wo wir wissen, die kommen beim Gesang nicht richtig rüber. Blödes Beispiel, aber egal: Für 'Himmel' gibt es im Englischen soundsoviele Begriffe - und der Sinn ist der gleiche!

Dazu kommt noch das Problem Amerikanisch/Englisch. Bei manchen Sachen sagt Frank: 'Das versteht kein Ami!' Die Amerikaner haben ihre Sprache doch sehr vereinfacht, muß man sagen. Um da das Optimum herauszuholen, dafür ist Frank sehr wichtig. Darüberhinaus ist das Intro und das Outro von ihm gesprochen, bei 'Walker Of The Dark' ist er dabei, bei 'Vendetta' usw. Eigentlich hat er auf jedem Album in irgendeiner Form mitgemacht."

I.P.: "Zwei Dinge gefallen mir auf dem Album nicht so gut: der Schluß von 'One Lone Voice' und - auch wenn ich es mir mittlerweile ein bißchen schöngehört habe - 'Crash Bang Crash'. Das hat sowas Glam-artiges im Chorus, und das ist vom Stil her nicht so meins."

U.D.: "Ja, das ist schon so ein bißchen Gary Glitter-mäßig. Einfach eine lustige straight forward Rock'n'Roll-Nummer. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen, haha! Zum Glück ist Musik Geschmackssache. Man kann es nicht allen recht machen. Das wäre sensationell, aber das ist völlig unmöglich."

I.P.: "Die Figur des 'Mastercutor' ist ebenfalls sehr gut gelungen. Hat es viele Entwürfe davon gegeben?"

U.D.: "Das hat ziemlich lange gedauert. Wir hatten eigentlich gar keine Idee vom Cover. Das ist meistens so, wenn wir mit einem Album anfangen. Dann hatten wir den Titel 'Mastercutor'..."

I.P.: "Wem ist der eigentlich eingefallen?"

U.D.: "Die Idee kam im Prinzip von Frank, dieses Kunstwort 'Mastercutor'. Wir haben gesagt: 'Paß auf, wir brauchen irgendwas Showmastermäßiges, Hostmäßiges.' Da sagt er zu uns: 'Mastercutor.' Darauf wir: 'Hab' ich mein Lebtag noch nicht gehört, das Wort.' Er hat es uns dann erklärt, und die Storyidee, die wir hatten, geht gegen diese wunderschönen Game-, Talk- und Realityshows, die wir haben."

I.P.: "Der Text dazu ist übrigens brillant!"

U.D.: "Hähä! Dann fingen wir irgendwann an, über das Cover nachzudenken, aber da fiel uns ehrlich gesagt nichts Richtiges ein. Wir wollten eigentlich erst eine Gameshow aufs Cover bringen, das wäre aber alles zu kompliziert geworden. Dann habe ich bei meinem Sohn als Wallpaper so 'ne ganz komische Fratze gesehen. Das war der Auslöser, dieser böse Ausdruck. Da hat's dann irgendwie Klick gemacht. Daraus hat sich das entwickelt. Auf dem Bild waren aber Lizenzrechte drauf, das hätten wir gar nicht nehmen können. Wir haben daraufhin nach jemandem gesucht, der das so umarbeitet, das eine Eigenentwicklung dabei herauskommt. Und das hat wirklich sehr lange gedauert, fast bis kurz vor Ende des Recordings. Der wurde immer wieder verändert. 'Nee, das ist verkehrt, immer noch nicht richtig, der guckt nicht böse genug, und da sind die Augen verkehrt...' Also, man hat wirklich dran rumgefeilt, und ich glaube, im Endeffekt kommt er auch sehr böse rüber."

I.P.: "Besonders toll finde ich, daß er auf jedem Bild auf eine andere Art böse ist. Er sieht nicht immer gleich aus!"

U.D.: "Ja, er grinst auch, z.B. auf der Rückseite. Da ist er der Showmaster mit Zylinder und Stock und so. Da guckt er so ein bißchen verschmitzt. Das ist zwar kein direktes Konzept, aber wenn man das Ganze so nimmt, wie das Album geworden ist, ist es so ein bißchen, als wenn du fernsiehst. Du siehst sexuelle Sachen, Rock'n'Roll, politische Dokumentationen etc. etc. etc. Das findest du alles im Fernsehen wieder."

I.P.: "Mit der Figur kann man auch sonst eine Menge machen."

U.D.: "Oh ja! Die wird auf der Tour im Herbst mit Sicherheit eine große Rolle spielen. Aber mehr kann ich dazu jetzt noch nicht sagen."

I.P.: "Was ich immer wieder verblüffend finde, ist, wie leicht - zumindest für mich als Außenstehenden - Stefan vom Schlagzeug zur Gitarre gewechselt ist."

U.D.: "Das ist eine Sache, die ich schon oft erklärt habe, aber ich glaube, so richtig rübergekommen ist die bei einigen Leuten immer noch nicht (Offensichtlich! - Schübi). Der hat eigentlich als Gitarrist angefangen und hat dann damals, als er zu ACCEPT kam, gesagt: 'Ich kann auch Schlagzeug spielen!' Im Grunde seines Herzens war er aber glaube ich immer Gitarrist. Als ich U.D.O. wiederbelebt habe, habe ich ihn gefragt: 'Stefan, hast du nicht Bock, mal die Gitarre in die Hand zu nehmen und Gitarrist bei U.D.O. zu sein?' Da gab es im Prinzip gar kein Überlegen mehr, sondern es war direkt: 'Hier bin ich!'. Das ist auch eine Sache, die nur wenige Leute wissen."

I.P.: "Wie komponiert ihr zusammen? Und schreibt ihr die Texte gleich mit oder läuft das getrennt voneinander?"

U.D.: "Wir arbeiten andersherum als andere Bands. Wir fangen erst mit Texten an. Wir haben zuerst die Stories. Auf diese Weise haben wir dann schon die Hooklines und ein paar Gesangsmelodien. Dann kommt Frank dazu, und anschließend sind die Texte zu 95 % komplett fertig, kann man sagen. Dann lassen wir das erstmal wieder sacken. Z.B. sind die Texte von 'Mastercutor' alle im Mai letzten Jahres gemacht worden. Dann haben wir viele schöne Sommerfestivals gespielt und haben danach die musikalischen Ideen von allen Musikern gesammelt. Und dann ist das bei uns sehr einfach: Wir machen es eigentlich seit dem 'Holy'-Album (1999) so, daß du weißt, was für eine Story du hast, und du hast die musikalischen Ideen, und du weißt genau, die musikalische Idee paßt zu dem Text, allein von der Atmosphäre. Und dann haben wir festgestellt, dieses Arbeiten ist wesentlich einfacher. Das ist kreativer für uns. Normalerweise ist es ja immer andersrum. Ich kenne das ja von ACCEPT und auch von U.D.O. So haben wir ja früher auch gearbeitet; erst die Musik, und dann kommt irgendwann mal so 'ne 'Hänschen Klein'-Melodie für den Gesang, und dann hat man dazu den Text. Ich weiß auch nicht, warum uns das bei 'Holy' eingefallen ist, mal andersrum zu arbeiten. Das kam irgendwie so. Hinterher haben wir gesagt: 'So hätte man früher auch schon mal arbeiten können!', haha."

I.P.: "Wenn man das Schlagzeug zuletzt aufnimmt, kann man auch die Texte zuerst schreiben!"

U.D.: "Genau! Und ich meine, das ist wirklich ein hervorragendes Arbeiten. Wir arbeiten wahrscheinlich sowieso etwas unkonventionell. Z.B. die ganzen Soli: Da war Igor (Gianola) gar nicht im Studio. Die hat er uns aus seinem eigenen Studio als Wave-Datei geschickt, so daß man die hier einfügen konnte. Der Vorteil war: Wenn er hier hochgekommen wäre, hätte er sehr kompakt arbeiten müssen. So hatte er wesentlich mehr Zeit - und einige Soli sind wirklich morgens früh um 5 Uhr bei ihm im Studio entstanden. Er konnte die also machen, wie er wollte. Wenn die Soli ankamen, brauchten wir bloß noch zu sagen: 'Paßt, paßt nicht, den Part sollte man verändern.' Das war natürlich eine tolle Erfahrung, daß sowas heutzutage möglich ist. Das ist schon sensationell gut."

I.P.: "Die türkische Melodie in 'The Wrong Side Of Midnight', ist die auf deinem Mist gewachsen oder auf Stefans?"

U.D.: "Die ist auf Stefans Mist gewachsen, haha. Ist eigentlich auch 'ne lustige Story: Er war wohl irgendwann nachts im Studio, meinen Gesang zusammendroggen. Ich glaube, da hat er auch gut was getrunken... Da hat er wohl irgendwie einen Wagner-Chor eingesungen. Er hat mir das am nächsten Tag vorgespielt und meinte: 'Schöner Blödsinn, ne?' Ich habe gesagt: 'So blödsinnig ist das gar nicht!' Wir haben uns zwar beide kaputtgelacht, uns aber doch entschieden: 'Das packen wir jetzt erstmal da drauf!' Und dann ist es eben dabei geblieben."

I.P.: "Ich finde, die Nummer ist der Wahnsinn! Beim ersten Hören habe ich nur gedacht: 'Wie baut man sowas bloß zusammen - und dann auch noch so, daß es derart paßt?!' Dauert das nicht ewig mit diesen kleinen Schnipselchen?"

U.D.: "Nee, die Nummer, muß ich sagen, war eigentlich gar nicht kompliziert im Studio. Wesentlich komplizierter war z.B. 'Master Of Disaster'. Das war eine Nummer, die wir gar nicht aufs Album nehmen wollten. Mein Sohn z.B., der ist 13 und selber musikalisch sehr aktiv und hört auch solche Musik, sagte: 'Boah, das ist aber 'ne geile Nummer!' Da werde ich bei einem 13-jährigen hellhörig!"

I.P.: "Ja klar!"

U.D.: "Ist natürlich auch gut, wenn man sowas im eigenen Hause hat. Ich habe das in der Rohfassung einigen Leuten vorgespielt, Stefan auch, und alle meinten: 'Tolle Nummer!' Daraufhin haben wir gesagt: 'Okay, dann lassen wir sie drauf!' Tja, so kann's gehen..."

I.P.: "Einen Song auf 'Mastercutor' habe ich anfangs nicht so wahrgenommen: 'Borderline'!"

U.D.: "'Borderline' gab es schon mal als Japan-Bonustrack, und zwar auf der 'Thunderball' (2004). Wir haben die Nummer im Studio noch mal überarbeitet. Die Gitarren sind neu eingespielt worden, und ein paar Chöre haben wir nochmal neu gemacht. Das war eines der Stücke, bei dem wir gesagt haben: 'Mist, das wir das als Bonustrack nach Japan gegeben haben!' Das wollten wir eigentlich immer auf einem Album haben. So gesehen gibt es die Nummer jetzt zweimal!"

I.P.: "Das einzige Album von euch, zu dem ich keinen rechten Bezug gefunden habe, war 'Man And Machine' (2002). Das hat mich sehr erstaunt, weil ich das nicht gewöhnt war. Ich weiß nicht mal, was mir da gefehlt hat!"

U.D.: "Ich glaube, das war der Punkt... Wenn ich dir damit weiterhelfe: Das war der Versuch, in gewisser Form das zu machen, was wir jetzt mit 'Mastercutor' gemacht haben, der aber da glaube ich noch nicht reif war."

I.P.: "Ja, da sind Ähnlichkeiten vorhanden, das stimmt. Da fehlt allerdings der eine oder andere Geistesblitz. Auf 'Mastercutor' gibt es davon gleich mehrere!"

U.D.: "Ja, das hast du manchmal. Das war vielleicht schon mal so ein Gucken, und die Zeit war einfach noch nicht reif dafür."

I.P.: "Ich weiß ja, daß Bonustracks sein müssen, aber tut es euch bei eurem Niveau nicht in der Seele weh, die Dinger auszusuchen? Es ist ja schön, wenn ein Song überhaupt veröffentlicht wird, aber ist der nicht z.B. auf einer EP wie 'Thundervision' (2004) doch irgendwie verschenkt?"

U.D.: "'Thundervision' ging ja noch! Diesmal hat's besonders weh getan, weil diese ganzen Bonustracks, die wir hatten... das sind keine Bonustracks gewesen für mich diesmal! Auf der 'Thundervision', das waren Songs, von denen nicht so ganz überzeugt war, wenn man ganz ehrlich ist. Ich hätte mir diesmal eher gewünscht, zwei Sachen zu haben: ein normales Album und eine Limited Edition mit einer zweiten CD, um nicht noch eine EP kaufen zu müssen. Das wäre, sage ich dir ganz offen, für mich die Ideallösung gewesen. Aber die Plattenfirmen denken da anders."

I.P.: "Was bedeutet 'limitiert' eigentlich in Zahlen, z.B. jetzt beim Digipak von 'Mastercutor'?"

U.D.: "Oh, ich glaube, die haben davon im Augenblick 15.000 gepreßt. Zumindest meine ich, diese Zahl mal gehört zu haben."

I.P.: "Bei jedem neuen Album kann man in irgendeinem Review lesen: 'Hiermit werden U.D.O. ihre alten Fans nicht enttäuschen, aber auch keine neuen hinzugewinnen.' Angesichts eures bisher höchsten Charteinstiegs (Platz 39!) stimmt das aber wohl nicht so ganz!"

U.D.: "Nee, bei dem Album haben wir mit Sicherheit viele neue Fans dazugewonnen. Dazu muß man natürlich auch sagen, das hat auch die letzte Tour gebracht. Ich hab' gesehen, wir haben sehr viel junges Publikum dazugewonnen. Da kommt gerade eine neue Generation, die diese Art von Musik hört. Das war ein ganz wichtiger Punkt. Wir haben auch oft Konzerte gespielt, bei denen nicht das typische U.D.O.-Publikum war. Das hat auch viel gebracht. Das ist schon wichtig, daß man manchmal nicht nur die klassischen Metal-Festivals und -Veranstaltungen spielt, sondern auch andere Sachen. Das hat sich als positiv herausgestellt."

I.P.: "Dadurch, daß die Interviews kurz hintereinander lagen, ist mir besonders aufgefallen, daß ihr die Bandbreite des Power Metal viel stärker nutzt als IRON SAVIOR. Die machen z.B. keine Balladen."

U.D.: "Wir machen das nach Gefühl. Wir versuchen, jedem Album eine durchgehende Atmosphäre zu geben. Dabei fallen natürlich auch ein paar Sachen raus, aber wir setzen uns nicht vorher hin und sagen: 'Wir müssen das und das und das haben.' Wenn wir das machen würden, würde man das mit Sicherheit merken. Die Bandbreite war diesmal einfach da. Ob das beim nächsten Mal auch so extrem ist, werden wir dann sehen."

I.P.: "Auf der anderen Seite steht eine Band wie KAMELOT, die - unter anderem durch ihre starken europäischen und klassischen Einflüsse - extrem weit in alle Richtungen gehen kann, ohne ihre Identität zu verlieren."

U.D.: "Ja. Was ich an unserem Album auch gut finde, ist, da sind Sachen drauf, die die Leute von U.D.O. gar nicht erwartet haben, und die trotzdem nach U.D.O. klingen. Das zeigt, da ist noch mehr da. Das sagt mir mit Sicherheit, daß wir noch ganz viele Sachen machen können, die wir bis jetzt noch gar nicht entdeckt haben."

I.P.: "Warum passiert das gerade jetzt bei diesem Album? Liegt das nur an der Erfahrung? Oder hat es irgendwelche besonderen Umstände gegeben?"

U.D.: "Da kam einiges zusammen. Die letzte Tour spielt eine Rolle. Der Einfluß der Band - BAND, nicht Udo solo oder -Projekt - war diesmal glaube ich noch extremer als bei den letzten beiden Alben. Neues Management, neue Booking Agency, andere Leute drumrum im Business, andere Leute fürs Cover, für Fotos... alles neu, haha! Ich glaube, da haben ganz, ganz viele Kleinigkeiten eine Rolle gespielt. Wir waren sehr gut aufgestellt, dann kam der Sound dazu. Das hat tierischen Spaß gemacht im Studio. Das sind 1000 Sachen, die da zusammenkommen."

I.P.: "Grübelst du über Dinge wie den moderneren Gitarrensound nach: 'Hoffentlich nehmen uns die Leute das nicht übel!'? Oder ist dir das wirklich egal, und du machst es einfach, und wenn es dir gefällt, dann bleibt es so?"

U.D.: "Also, erstmal machen wir es so, wie wir denken. Das ist immer die Grundvoraussetzung, weil wir wissen, die Basis verändern wir sowieso nicht, da kann eigentlich nicht viel passieren. Wenn man dann fertig ist, ist da immer noch so ein Kribbeln im Bauch: 'Wie kommt das jetzt an? Nehmen die Leute das an, so wie es jetzt klingt? Sind ja ein paar abgedrehte Arrangements dabei!' Und dann ist man schon erleichtert, wenn man merkt, daß es funktioniert hat! Dann weiß man, der Schritt war nicht verkehrt. Dann weiß man: 'Aha, da kann man noch ein paar andere Sachen machen!' Es ist auch wichtig, ein bißchen nervös zu sein. In dem Moment, wenn wir komponieren und sagen: 'Die Nummer nehmen wir jetzt!', das ist der Punkt, wo wir sagen: 'Das wollen wir jetzt so machen!' Und wir versuchen natürlich, aus dem, was da ist, das Beste zu machen, das ist klar. Danach ist das schon mit einem Kribbeln verbunden."

I.P.: "Ist es nicht ein Stück weit dieses Kribbeln, weshalb man das Ganze überhaupt macht? Was man gerne mal vergißt, weil man eher dazu neigt, den sicheren Weg zu gehen?"

U.D.: "Ja, sagen wir mal so, die Leute fragen dich natürlich: 'Ist das nicht langsam langweilig?"

I.P.: "Pffff! So 'n Quatsch!"

U.D.: "Ein ganz wichtiger Punkt bei mir ist: Ich habe immer noch Spaß an der Sache. Ich habe Spaß daran, ein neues Album zu machen. Ich habe immer noch Spaß, auf Tour zu gehen. Da ist immer noch ein Kribbeln da! Man ist immer nervös, wenn ein neues Album rauskommt. Man ist immer noch nervös, wenn man auf die Bühne geht, speziell dann, wenn die eigentliche Tour anfängt. Festivals sind ein bißchen was anderes. Wie kommen die neuen Nummern an, wie die ganze Produktion, was man sich ausgedacht hat, funktioniert das alles?Solange dieses Gefühl bei mir da ist, wüßte ich nicht, warum ich aufhören soll."

I.P.: "Und die Spielfreude, und wie ihr euch auf dem Album austobt, das kann man ja auch nicht vortäuschen. Das würde keine Minute gutgehen!"

U.D.: "Einmal das; und dafür haben wir auch noch viel zuviele Ideen, viel zuviel vor. Im Augenblick geht unser Plan so ungefähr bis 2010..."

I.P.: "Ach ja, eure Drei-Jahres-Pläne!"

U.D.: "Mußt du machen, weil das eine sehr, sehr lange Tour wird. Dann kommt 'ne DVD... Also, du hast eigentlich genügend zu tun. Dann steht das nächste Studioalbum an - da reden wir schon von Ende 2008/2009, bis wir erstmal ins Studio gehen. Und ruck-zuck haben wir 2010!"

I.P.: "Stefan und du seid ein extrem gut eingespieltes Gespann. Wenn doch mal ein Dritter an einem Song beteiligt ist, schreibt der dann nur einen bestimmten Teil, weil das Grundgerüst eh von euch beiden kommt?"

U.D.: "Auf 'Mastercutor' sind z.B. drei Songs von Igor, und musikalisch kann man sagen, 70 % sind auch von ihm. Da sind nur noch Kleinigkeiten, hauptsächlich von Stefan, dazugekommen. Ich klinke mich eigentlich mehr beim Arrangement ein. Da werde ich dann gefragt: 'Ist das Solo gut? Wie findest du den Übergang?' Das sind so die Sachen, wo ich dazukomme - der Produzent der Gitarristen, wenn du so willst. Andersrum werde ich dann wieder von Stefan produziert. Fitty (Wienhold) am Baß hat diesmal für drei Nummern die Basisidee geliefert. Vom Schlagzeuger (Francesco Jovino) erwarte ich mir eigentlich beim nächsten Album kompositorisch was. Er hat zwar schon ziemlich mit rumgewirbelt, wir arbeiten schon als Team, aber da ich entdeckt habe, daß der Mann auch Gitarre spielt, hat der bestimmt noch Potential. Wie gesagt, das ist alles noch lange nicht ausgeschöpft. Und ich glaube, daß wir uns auf dem Album als Band richtig gefunden haben."

I.P.: "Du hast mal gesagt, mit 'Animal House' (1987) wolltet ihr sehen, was möglich ist, 'Mean Machine' (1989) war zur Orientierung. 1990 kam 'Faceless World', bis heute mein Favorit. Da bin ich hintenrübergefallen!"

U.D.: "'Faceless World' war ein wichtiges Album dahingehend, als ich zum erstenmal alleine mit Stefan komponiert habe, ohne ACCEPT. Zusammen mit Matthias Dieth hauptsächlich. Der arbeitet ja jetzt als Musikanwalt und ist musikalisch eigentlich überhaupt nicht mehr aktiv. 'Faceless World' war ein ganz wichtiges Album, auch für mich persönlich. Da habe ich gesangstechnisch gesehen zum erstenmal Sachen gemacht, die keiner von mir erwartet hätte. Das sorgte auf der einen Seite für ungläubiges Staunen, es gab aber auch viele Verrisse, von wegen 'Keyboards' und 'kommerziell' und so. Es gibt immer wieder Alben, die sind in der History unheimlich wichtig. 'Faceless World' war so eins, von der Weiterentwicklung her. Das ist für mich immer noch eines der stärksten U.D.O.-Alben. 'Timebomb' (1991) war ein sehr aggressives Album. Das hing aber auch mit Businessachen zusammen. Ich hatte mit der 'Managerkrankheit' zu kämpfen. ES WAR ABER KEIN HERZINFARKT!!! Ich habe mich gefragt: 'Was willst du jetzt genau machen? Alles auf einmal geht nicht!' All das spiegelt sich in der Aggressivität von 'Timebomb' wider. Komischerweise ist das ein Album, wo die Leute unheimlich nach fragen: 'Warum spielt ihr nichts mehr von 'Timebomb'?' Das überrascht mich auch manchmal. Jedes Album scheint irgendwie seine Fangemeinde zu haben. 'Solid' (1997), das erste U.D.O.-Album nach der ACCEPT-Reunion, ist in einer Nacht- und Nebelaktion entstanden, würde ich mal sagen - eigentlich schon während der letzten ACCEPT-Tour. Da hatte ich schon angefangen, im Studio daran zu arbeiten. Ich bin zwischendurch immer ins Studio rein. Ich wollte nahtlos übergehen; das war eigentlich der Sinn und Zweck der Übung. War ein schwieriges Album, muß ich sagen. Man hätte sich vielleicht ein bißchen mehr Zeit nehmen sollen, aber okay. Fitty ist im Prinzip seit den Anfängen dabei. Das war auch ein Zufallsding; den habe ich irgendwann im Urlaub auf Ibiza wiedergetroffen. Ich sag zu ihm: 'Was machst du denn hier?!' 'Äh, ich wohne hier!' Ich habe ihn dann irgendwann gefragt, ob er sich vorstellen könnte, nach Deutschland zu kommen und sich den Baß wieder umzuschnallen, Er konnte... Am Anfang hatten wir noch Jürgen Graf dabei und Stefan Schwarzmann wieder dabei. Das war die erste Besetzung. Die hat bis 'No Limits' (1998) gehalten. Die Gründe, warum die beiden nicht mehr dabei waren..."

I.P.: "Über die Trennung von Stefan hast du damals gesagt, das hätte persönliche Gründe, darauf wolltest du in dem Moment nicht näher eingehen. Auf der 'Thundervision'-DVD hast du gesagt, du wüßtest im Grunde heute noch nicht, warum er ausgestiegen ist."

U.D.: "Ja, ich glaube, er hatte ein Problem mit Stefan Kaufmann. Stefan hat gesagt: 'Nee, bei dem groovt es nicht richtig!' Das ist natürlich das Problem, wenn du zwei Drummer in der Band hast. Da gab es mit Sicherheit Sachen, die... äh... Aber da gab es noch andere Sachen, eine sehr private Geschichte. Vielleicht erzählt er das selber mal irgendwann. Ich würde mal sagen: Er hatte keine gute Zeit in privater Natur. Beim Jürgen Graf dasselbe, die hatten beide das gleiche Problem. Lassen wirdas mal so im Raum stehen. Da konnten wir auch nicht mit leben, mit diesen Problemen. Und da war es besser, zu sagen, man trennt sich."

I.P.: "'No Limits' gehört zu den U.D.O.-Alben, die so ein bißchen unterbewertet worden sind - 'Mean Machine' übrigens auch!"

U.D.: "Als wir für uns mal sämtliche Alben analysiert haben, haben wir 'No Limits' als überproduziert angesehen. Einige Sachen sind darauf auch verschenkt worden, weil wir sie überproduziert haben. Man hätte sie einfacher gestalten sollen. Dann wären sie wahrscheinlich auch besser rübergekommen. 'Solid' und 'No Limits' waren zwei sehr schwierige Alben auch für die gesamte U.D.O.-Geschichte. Bei den beiden Alben kam mir zwischendurch mal der Gedanke: 'Muß ich das alles noch haben?' Ich meine, es ist ja auch kein Geheimnis, daß die Zuschauerzahlen am Anfang sehr bescheiden waren. Stefan hat aber irgendwann mal gesagt: 'Und jetzt erst recht!' Und dann kam mit 'No Limits' der Erfolg im Ostblock. Der hat uns aufrechterhalten. Das war einfach so 'n Punkt, wo wir das analysiert haben. Da hat sich rausgestellt, daß die Leute gedacht haben: 'Na ja, jetzt macht Udo mal ein Soloalbum; dann gibt das sowieso wieder ACCEPT!' Das war eine sehr komische Zeit. Das hat bis 'Holy' gedauert. Da haben wir gemerkt, daß wir wieder Fuß gefaßt haben. Da ging es wirklich aufwärts."

I.P.: "Dabei kommt es natürlich auch auf die Unterstützung der Plattenfirma an..."

U.D.: "Das ist ein Thema für sich. Ich meine, ich habe ja auch schon ein paar Plattenfirmen hinter mir. Die perfekte Plattenfirma gibt es nicht! Der eine ist da besser, der andere da wieder schlechter, da ist der andere wieder besser. Also, die perfekte Plattenfirma gibt es nicht."

I.P.: "Ist dabei wirklich das Hauptproblem, daß da nur noch diese Buchhaltertypen sitzen, denen es im Grunde egal ist, ob sie Musik verkaufen oder Cola? Daß bei den Labels keine Fans mehr sind?"

U.D.: "Extrem gesagt gebe ich dir da vollkommen recht. So sieht die Situation heute aus."

I.P.: "Ist das das Hauptproblem oder siehst du da noch was anderes?"

U.D.: "Das ist schon mit ein Hauptproblem, daß da keine kreativen Köpfe mehr sitzen. Es gibt welche, aber die können sich meistens gegenüber ihren Vorgesetzten nicht durchsetzen, wenn es dann darum geht, Gelder loszueisen für bestimmte Promotion- und Marketinggeschichten etc. etc. Das wird dann mit der Frage abgeblockt: 'Ja, wieviel haben die denn verkauft?'"

I.P.: "Wie kommt das, daß diese Leute keine Phantasie haben? Jedes Album word auf die gleiche Art und Weise beworben? Müßte nicht eigentlich bei jedem ein anderer Schwerpunkt gesetzt werden? Ist das schon zu schwierig?"

U.D.: "Ich weiß es nicht. Ich glaube, die Landschaft hat sich da ganz, ganz gewaltig verändert. Ich glaube, heute handeln die Plattenfirmen nach dem Motto - ich überspitz' das jetzt mal -: 'Wir nehmen 10 Bands unter Vertrag, und irgendeine wird schon gut laufen!'"

I.P.: "Deshalb wird es eine Karriere wie die der SCORPIONS nie wieder geben: weil einfach keine Aufbauarbeit mehr geleistet wird!"

U.D.: "Da ist der wunde Punkt, ja. Das ist aber auch nicht mehr so einfach. Die Plattenfirmen geben Bands Verträge, die meiner Meinung nach gar keine Berechtigung haben, eine Platte aufzunehmen. Die sind einfach noch nicht soweit! Ich habe gerade z.B. eine Band aus Finnland gehört. Die Jungs sind mal gerade 15, 16 - das ist der Hammer! Das ist der absolute Oberhammer!! Die werden hier einschlagen wie der Blitz! Äh, wo war ich? Ach ja, dann kommt natürlich dazu, daß die Bands kein Budget mehr haben, um ein vernünftiges Album aufzunehmen. Also geht man her und nimmt im Keller auf, mit Pro-Tools und Hast-du-nicht-gesehen. Wenn ich mich damit richtig auskennen würde, könnte ich mich auch hinsetzen und mutterseelenalleine ein Album machen. Dann ist mir aufgefallen, eben auch durch meinen Sohn, da höre ich Hammersachen und denke: 'Boah, das mußt du dir mal live angucken!' Dann gucke ich mir das live an..."

I.P.: "...und dann kommt wahrscheinlich das böse Erwachen!"

U.D.: "...und sage hinterher: 'Vielleicht sollten die mal ein bißchen mehr proben!' Durch Pro-Tools und die ganzen anderen Hilfsmittel geht Handwerk verloren! Das ist ja alles wunderbar: Man kann alles geraderücken, macht aus einem schiefen Ton mal eben einen geraden Ton, das ist alles kein Thema. Nur live ist das dann ein großes Problem, wo Bands dann mal nicht so funktionieren oder nicht so klingen, wie man das eigentlich erwartet, wenn man das Album gehört hat. Da sind soviele Sachen... Da muß meiner Meinung nach mal eine ganz große Säuberung stattfinden."

I.P.: "Da warten die Leute ja schon so lange drauf!"

U.D.: "Ja, aber ob die stattfinden wird, das frage ich mich manchmal. Ob die Leute da sind, die diese Säuberung überhaupt vornehmen!"

I.P.: "Noch zwei Dinge, die ich nicht verstehe: Bei vielen Plattenfirmenleuten, die Bands unter Vetrag nehmen oder eben auch rausschmeißen, fragt man sich: 'Wie sind die überhaupt an den Posten gekommen?'"

U.D.: "Hahaha!"

I.P.: "Und die Fluktation bei den Labels ist ja derart gewaltig, da bleibt ja kaum mal jemand ein ganzes Kalenderjahr bei einer Firma!"

U.D.: "Da hast du das nächste Problem: Da hat der sich vielleicht gerade eingearbeitet, dann ist der plötzlich weg!"

I.P.: "Wie kommt das? Fliegen die in der Probezeit raus oder was passiert mit den Leuten? Die tauchen ja auch irgendwo wieder auf!"

U.D.: "Entweder kriegen sie einen besseren Posten. Oder sie verdienen bei einer anderen Plattenfirma mehr Geld. Oder die waren zu frech und haben wirklich mal versucht, eine Band durchzupowern, und das hat nicht funktioniert. Da gibt's 1000 Gründe. Ich sag' mal, wir alten Recken hatten in den Achtzigern das Glück, daß es hieß, z.B. bei ACCEPT damals: 'Wenn wir nach 5 Alben schwarze Zahlen schreiben, dann ist das okay!' Den Spruch wirst du glaube ich heute nicht mehr hören, hahaha! Im Prinzip ist es so: Mit diesen ganzen neuen Sachen wie Downloaden muß man leben, da kommt man nicht drumherum. Da haben meiner Meinung nach schon mal die Plattenfirmen viel zu lange geschlafen. So langsam werden sie wach und fangen an, die neuen Medien auch mal zu benutzen. Wenn man da vernünftig mit arbeitet und die sinnvoll nutzt, kann das auch alles funktionieren. Wenn man sieht, daß der CD-Markt immens nach unten gegangen ist, der CD-Verkauf, da müssen wir uns nichts vormachen, da können wir uns glücklich schätzen, daß wir im Live-Markt so stark sind. Da werden die Prioritäten ganz woanders gesetzt. Früher hat man das Album promotet, heute ist es umgekehrt."

I.P.: "Es ist ja auch ein positives Zeichen, daß eure Tourneen immer länger werden."

U.D.: "Ja, wir könnten noch mehr spielen! Wir haben Angebote bis zum Abwinken! Um zu spielen, bräuchte ich im Prinzip gar kein neues Album rauszubringen. Wenn ich es ganz hart sehen würde, könnte ich sogar sagen: 'Ich mache jetzt einfach 'ne Tour!' - das funktioniert auf jeden Fall. Wenn einige Plattenfirmen nicht aufpassen... Es gibt welche, da haben das schon frühzeitig erkannt, das haben sie schon in ihren Verträgen drin, aber es wird irgendwann so sein - auch im Heavy-Bereich -, auch wenn immer noch die Sammler da sind wie du, die das Original in der Hand haben, wird es irgendwann so sein, daß die Bands wieder Geld verdienen können, indem sie einfach gar keine Plattenfirma mehr brauchen, sondern das Album einfach als Download ins Internet stellen. Wenn eine Band nur 15.000 Alben über Download verkaufen würde, verdient sie - zumal sie auch noch einen ganz anderen Preis machen kann - wesentlich mehr, als sie jemals verdienen würde mit einer Plattenfirma. Okay, du mußt natürlich weiterhin Promotion machen. Aber auch das kannst du heutzutage fast nur übers Internet machen, wenn du das willst. Und das wird noch extremer werden! Ich sage jetzt nicht, daß das morgen passieren wird. Ich denke, in 2, 3, 4 Jahren wird das ganze Business anders aussehen. Dann wird es für clevere Bands wieder möglich sein, Geld zu verdienen mit 'CDs'. Das wird der Fall sein!"

I.P.: "Du machst die Musik, zu der deine Stimme am besten paßt. Was für ein Glück, daß das zufällig auch deine Liebllingsmusik ist. Wenn du Schlagerfan wärest, hättest du ein echtes Problem!"

U.D.: "Nee, das war schon immer die Richtung. Das hat alles von Anfang an zusammengepaßt. Das war nie künstlich auf hart getrimmt oder so. Das war einfach alles von Anfang an da. Ich habe auch noch nie Probleme mit meiner Stimme gehabt und in meiner ganzen Karriere noch nicht einen Auftritt abgesagt."

I.P.: "Ist ja DIO-mäßig!"

U.D.: "Ja, da sind wir uns sehr ähnlich. Da unterhalten wir uns auch des öfteren drüber, wenn wir uns sehen. Ich wärme mich grundsätzlich nicht auf vorm Auftritt..."

I.P.: "Noch 'ne Parallele, haha!"

U.D.: "Das Einzige, was ich jetzt gemacht habe, ist, seit zwei Jahren rauche ich nicht mehr. Ich habe vorher zwei Päckchen am Tag geraucht. Seit ich damit aufgehört habe, fühle ich mich wesentlich wohler. Hätte sich die Stimme verändert, hätte ich sofort wieder angefangen!"

I.P.: "Don Dokken hat mal gesagt, daß sich die Stimme eines Mannes alle sieben Jahre ziemlich drastisch verändert."

U.D.: "Das kann ich bei mir nicht feststellen. Mir ist nur aufgefallen, daß sich mein Stimmumfang auf fast drei Oktaven vergrößert hat. Ich kann Sachen machen, die hätte ich vor 10 oder 15 Jahren nicht machen können."

I.P.: "Stark! Ist das normalerweise nicht andersrum?"

U.D.: "Eigentlich ja. Aber das ist bei mir ganz verrückt. Stefan sagt: 'Dein Spektrum wird immer größer. Du kommst teilweise einen halben Ton höher, als du jemals gekommen bist!' Ich kann mittlerweile auch die tieferen Bereiche ganz gut abdecken, die früher bei mir ein größeres Problem waren."

I.P.: "Welches Mikro benutzt du heute? Welches paßt am besten zu deiner Stimme?"

U.D.: "Im Augenblick habe ich Sennheiser. Und das kommt eigentlich ziemlich gut rüber. Da bin ich sehr zufrieden mit. Da habe ich auch nach langer Zeit mal wieder einen Deal gekriegt. Ist heutzutage ja nicht mehr unbedingt üblich. Solche Deals kriegen heute nur noch Bands in der Großenordnung MAIDEN, METALLICA oder AC/DC. Früher kriegte man bei einem Endorsement-Deal die Sachen wirklich umsonst, heute liegen 50 % drin, wenn's hoch kommt. Außer vielleicht RAMMSTEIN mit Engl oder so. Das ist eine andere Nummer."

I.P.: : "Gab es in letzter Zeit eine Platte, die dich begeistert hat?"

U.D.: "Hmmm... Man hat mir das neue SCORPIONS-Album angepriesen. Daraufhin hab' ich's mir angehört. Als ich die erste Nummer gehört habe, hab' ich gedacht: 'Jau, da sindse wieder!' Der Gedanke verflüchtigte sich aber schnell wieder... Die typischen SCORPIONS wurden nicht fortgeführt. Die erste Nummer war sowas wie 'Rock You Like A Hurricane'. Da sind noch ein oder zwei Nummern, wo ich sage: 'Warum haben sie das ganze Album nicht in der Form gemacht?' Dann, muß ich sagen, habe ich ein Problem mit dem neuen OZZY-Album. Das kann ich irgendwie nicht greifen. Warum, kann ich dir noch nicht sagen. Ich habe es aber auch erst zweimal gehört. Ansonsten bin ich musikalisch sehr offen. Ich bin z.B. ein Riesen-Anastasia-Fan. Auch Robbie Williams hat ein paar sehr gute Sachen gemacht. Als Musiker sollte man sehr open-minded sein zu allem. Es gibt z.B. Produktionen im Pop-Bereich, wo man sagt: 'Oh, das sind aber interessante Sounds!' Man sollte da sehr offen sein. Und ich glaube, daß das viele auch nicht zugeben, aus Angst vor einem Imageschaden oder so. Es gab mal eine Zeit, wo ich gesagt habe, was ich alles höre. Da haben die Leute gesagt: 'Der ist gar nicht Heavy Metal!' Das wäre mir heute, ganz ehrlich gesagt, egal, da stehe ich drüber, aber es gab mal eine Zeit, du mußtest du bezüglich seiner musikalischen Vorlieben vorsichtig sein, was du sagst. Ich hör' irgendwas und find' das gut. Und dann ist mir auch egal, wer das ist. Das könnten von mir aus die BACKSTREET BOYS oder TAKE THAT sein! Wenn ich etwas gut finde und damit was anfangen kann, dann ist es mir egal, von wem das ist. Wenn man Musiker ist, muß man finde ich in anderen musikalischen Richtungen mal genauer hinhören. Die haben teilweise sehr interessante Arrangements. Ist das in Moll? In Dur? Wie ist das zusammengesetzt? Da werden gewisse Atmosphären erzeugt. Wie werden die erzeugt? Das sind alles Sachen, mit denen man sich dann auch intensiver beschäftigen muß."

I.P.: "Du meinst, um auf sowas wie die türkische Melodie in 'The Wrong Side Of Midnight' zu kommen?"

U.D.: "Da kommt sowas alles her, ja. Irgendwo speicherst du diese Sachen und setzt die für deine eigene Musik in einer gewissen Form auch um. Das machst du zwar nicht bewußt, aber irgendwo speicherst du das alles und dann kommt das bei Bedarf wieder raus."

I.P.: "Gerade um aus Fragmenten etwas Ganzes zu machen, ist ein Pool an Ideen und Einflüssen aus allen Richtungen doch unbezahlbar!"

U.D.: "Ja klar, auf jeden Fall! Nimm nur mal 'Trainride In Russia' - das ist wirklich russische Volksmusik! Hat kein Mensch bei uns mit gerechnet! Wir hatten gesagt: 'Okay, die Nummer spielen wir in Rußland!' Jeder ist angekommen: 'Wieso habt ihr die nicht bei uns gespielt? Wieso habt ihr die nicht im Programm gehabt?' Haben wir hinterher reingenommen! Mit dem Ding haben wir ja auch nicht den Heavy Metal verraten, sondern das ist eigentlich sogar ziemlich rockig. Die Frage ist nur: Wie macht man's?"

I.P.: "Muß sowas sofort funktionieren? Oder wird da auch richtig dran rumgedoktert?"

U.D.: "Man hat ein Gefühl, wenn man sowas macht. Und 'Trainride In Russia'... laß mich nicht lügen, aber das war 'ne halbe Stunde! Da war das Ding nicht fertig, aber die Grundzüge waren da. Wir haben erstmal Tränen gelacht, aber dann gesagt: 'Dann laß mal machen!' Wir haben's dann irgendwann fertiggestellt und beschlossen, es aufs Album zu nehmen und zu gucken, wie die Leute reagieren. Tja, meistens, wenn man denkt, das geht nach hinten los, läuft es genau andersrum. 'Cut Me Out' war auch so eine Geschichte, das ist eigentlich eine Zigeuner-Nummer auf 'Holy'. Da haben wir auch gesagt: 'Kommt gut! Laß mal machen, mal sehen, wie die Leute reagieren...' Sowas sollte man sich ruhig mal trauen! Das ist auch eine Nummer geworden, die wir ziemlich oft live gespielt haben."

Interview + Story: Michael Schübeler